Sandra Fencl

Ganzheitliches Pferdewissen aus Leidenschaft!

Pferde eindecken ja oder nein?

Diese Frage bekomme ich sehr oft gestellt, und muss sie ganz klar mit „Jein“ beantworten: Grundsätzlich sind Pferde „Freilufttiere“, im Gegensatz zum „Höhlenbewohner Mensch“ sind sie extrem gut angepasst an unglaubliche Temperaturschwankungen – beispielsweise in der Wüste: Temperaturen am Tag über 40 Grad und in der Nacht bis zu minus 10 Grad oder kälter = Schwankungen innerhalb EINES Tages von 50 Grad und mehr!

Durch den sogeannten„Haaraufstellmechanismus“ können Pferde bei Kälte ihre Haare wie Igelstacheln seitlich abstellen und so ein „Wärme-/Isolierluftpolster“ bilden. Auch wenn aussen die Haarspitzen komplett gefroren sind, sind die Pferde direkt auf der Haut mollig warm. So hat man auch auf der Körperoberfläche des Pferdes Temperaturunterschiede von rund 50 Grad! Eine Meisterleistung der Natur!

Wenn man jedoch frühzeitig beginnt, Pferde einzudecken, bekommen sie a) kein ausreichend dichtes und langes Winterfell und b) verlieren die Fähigkeit, ihre Haare aufzustellen und flach hinzulegen. Hierfür verantwortlich ist nämlich die sogenannte „Hautmuskulatur„, also die äußerste Muskelschicht des Pferdes. Die Muskulatur, die sich unter anderem auch mit Zuckungen gegen Fliegen wehrt. Werden Pferde aber viel eingedeckt – so gilt wie bei jeder Muskulatur: „use it or lose it“. Sie wird also zu wenig trainiert und damit geschwächt.

Die Folge ist, dass sich die Pferde nicht mehr selbständig an die wechselnden Temperaturen anpassen können. Deshalb sag ich immer – zumindest in der kalten Jahreszeit – wenn Pferde regelmässig eingedeckt wurden, dann muss man sie eigentlich fast immer eindecken, weil sie sich nicht mehr wirklich selbst anpassen können und sich dadurch dann ohne Decke auch bei eigentlich relativ milden Temperaturen extrem leicht verkühlen…. Besitzer reagieren nämlich dann meist auf ihr eigenes Temperaturempfinden und sagen: „Heute ist es sooo warm, da braucht mein Pferd keine Decke.“ Ja, uns selbst ist ggf. warm, aber einem „Decken gewöhnten Pferd“ auf einmal die Decke wegzunehmen, kann wirklich gefährlich sein für die Gesundheit des Tieres.

Wenn man aber zB nur bei sehr kaltfeuchtem (Regen-)Wetter die Pferde eindeckt, also beispielsweise nur ca. ein bis zweimal pro Woche, dann funktioniert die Hautmuskulatur und die Adaptierfähigkeit der Pferde weiterhin und die Pferde sind weniger anfällig, sich zu verkühlen.

Generell bin ich kein so großer Deckenbefürworter.

Viele Pferde reagieren mit Blockaden und Verspannungen im Rücken aufgrund von mangelnder Wirbelsäulenfreiheit der gängigen Decken, aber auch durch Einengung gibt es immer wieder „Deckenschnapper“.  Auch die Haut- und Fellqualität leidet, weil einfach die Atmung eingeschränkt wird und sie sich nicht mehr richtig „pflegen“ können mit ausgiebigen Sandbädern und generell mit Wälzen bzw. teilweise das Fell auch abbricht bzw. abgescheuert wird. Ausserdem ist die Hautmuskulatur nicht nur für die Thermoregulation gut, sondern fördert auch die Durchblutung und regt den Kreislauf des Pferdes an 🙂

Außerdem muss man sich genau überlegen, welche DICKE die Decke hat. Denn die Haare können sich unter der Last der Decke natürlich nicht mehr aufstellen und den Temperaturen anpassen. Deshalb können Pferde mit einer zu dünnen Decke bei sehr kalten Temperaturen erst recht frieren…

Bei sehr hautempfindlichen Pferden muss man auch aufpassen mit der Wahl des Waschmittels, wenn man Pferde wäscht. Ich habe da tatsächlich schon unschöne allergische Reaktionen auf „normale“ Waschmittel gesehen. Bei solch hautsensiblen Pferden eignet sich Biowaschmittel ohne chemische Zusätze am besten.

ABER wie bei allem gibt es Ausnahmen von der Pferdedecken-Antipathie:

Die erste große Ausnahme ist, dass ich immer wieder (Kunden-)Pferde treffe, die sich bei gewissen kühlen Temperaturen und besonders meist bei nasskaltem – Wetter „zusammenziehen“, also muskulär verspannen. Sie können sich selbst so fest machen, dass sie sogar starke Muskelverspannungen und Blockaden selbst generieren können – bis hin zu ECHTEN Krampfkoliken. Bei solchen Tieren (das sind oft Pferde, die „hoch im Blut“ stehen wie Vollblüter/Araber/Trakehner etc.) macht es an nasskalten Tagen für mich sehr wohl Sinn sie einzudecken.

Die zweite Ausnahme bilden alte Pferde, die ggf. schon nur noch schlecht fressen/kauen und „verstoffwechseln“ und denen manchmal die Kälte so zusetzt, dass sie gar nicht mehr zunehmen bzw. massiv abnehmen. Auch da macht es ggf. Sinn, sie bei besonders kalten Temperaturen mit einer dicken Winterdecke zu wärmen.

Die dritte Ausnahme bilden natürlich stark geschorene Pferde – sie können sich auch nicht mehr gegen die Kälte wehren aufgrund des fehlenden Fells. Und nicht die Rede in diesem Artikel ist natürlich von Abschwitzdecken. Diese sind natürlich gerade in der kühlen Jahreszeit sehr wichtig, damit sich die Pferde nach der Arbeit oder beim Trockenreiten nicht verkühlen. Jedoch sollte man idealerweise intensives Schwitzen im Winter sowieso vermeiden, um das Immunsystem der Pferde nicht negativ anzugreifen…

Ethisch nicht vertretbar finde ich persönlich Leute die ihre Pferde eindecken, damit sie „schön sauber“ sind und gerade in der Matschzeit nicht so viel geputzt werden müssen… Erstens hat Matsch auche eine hautpflegende und isolierende Wirkung und zweitens kann ich diese Zeitsparidee nur verstehen, wenn man mal zu einem Turnier oder Fotoshooting fährt. Aber wenn man die Zeit nicht aufbringen kann oder will, sein Pferd vom gröbsten Schmutz zu befreien, bevor man es reitet, ich denke, dann sollte man gar kein Pferd haben. Sorry 🙁 Das ist meine bescheidene Meinung…

Übrigens ist „übertriebenes Putzen“ gerade im Winter nicht sinnvoll, weil die Pferde ihr Hautfett dringend benötigen, um sich gegen Nässe zu schützen. Dieser in der kühleren Jahreszeit deutlich erhöhter Haarfettanteil lässt sie nicht „bis auf die Haut nass“ werden. Sondern die Nässe perlt richtiggehend ab. Und apropos „fett“, eine Gewichtszunahme um bis zu 20 % ist völlig legitim, denn Körperfett „wärmt“ in der kalten Jahreszeit (wie Strichfrauchen wie ich leidend feststellen)… 🙂

Ergänzend möchte ich noch erwähnen, dass es sehr wichtig ist, dass die Pferde bei kalten Temperaturen unbedingt ausreichend Raufutter von wirklich guter Qualität zur Verfügung haben müssen. Der Energiebedarf kann bis zu 25 % steigen bei kalten Wetter und ausreichend Heu ist ganz wichtig für eine funktionierende Thermoregulation 🙂 Das heißt, dass man zu lange Freßpausen unbedingt vermeiden sollte.

Auch ganz gut ist es, mal ein warmes Mash bzw. Hafer zu verabreichen, wenn es plötzliche Kälteeinbrüche gibt. Hafer und (warmes) Mash  wärmen von innen und die Pferde entspannen sich meist sehr schnell (jedoch bitte kein Kraftfutter auf leeren Magen…). Übrigens mache ich mein Mash selbst aus gesunden Zutaten wie frischen Haferflocken (Hafer wärmt!), Leinsamen oder Flohsamenschalen (sind gut gegen Sandkoliken), Heucops und gern auch mal eine Handvoll (gemahlene) Nüsse oder Sonnenblumenkerne – so hat man keine schädlichen Kleberstoffe/Klebereiweiß oder künstliche Zusätze drin, wie in den meisten „fertig kaufbaren“ Mashsorten.

Auch eine Prise Zimt, Ingwer oder Kurkuma sind gern gesehene und sinnvolle Wärmespender im Winter (jedoch bitte nur kurweise bzw./oder unregelmäßig verabreichen, weil jedes „Kraut hat eine Wirkung“ und zB Ingwer ständig zu verabreichen kann auch negative Begleiterscheinungen mit sich bringen…).

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Euch ein paar interessante Tipps zum Thema Pferde richtig eindecken geben konnte.

Einen guten Start in die kühle Jahreszeit wünscht Euch
Fellsattel testenEure Sandra

PS: Wer übrigens mal einen feinen Fellsattel ausprobieren will, es gibt (fast) nichts Schöneres in der kühlen Jahreszeit 🙂 Einfach melden 🙂

 

 

2 Kommentare

  1. Alice Obehofer-Messner

    23. September 2015 at 19:39

    Hallo Sandra,
    wie kann ich überprüfen, ob die Hautmuskulatur noch funktioniert? Im Sommer „zittert“ Ozeana schon die Fliegen ab.
    Momentan ist das Fell im Wechsel – sie verliert die kurzen Haare. Heute, bei dem kühlen Regenwetter, hat sie nach 15 min draussen begonnen am ganzen Körper zu zittern. Ich hab sie ins Trockene gebracht, dann hat sie gleich aufgehört zu zittern.
    Ozeana ist letztes Jahr im September zu mir gekommen. Im Winter hat sie das erste Mal seit 3 Winter keine Decke bekommen (als sie dann das komplette Winterfell hatte). Ich hatte das Gefühl, dass sie es gut vertragen hat. Sie hat dann nie mehr gezittert. Ich habe aber Angst, nachdem sie jetzt schon viel lockerer in der Rückenmuskulatur ist (seit ihrer Ankunft), dass die Kälte jetzt wieder Verspannungen verursacht… Was meinst Du? Besser Eindecken?
    Ozeana ist eine 10jährige französiche Vollblutstute, ehemaliges Rennpferd, Box mit täglich 10 Std. Auslauf in der Herde in Hanglage-Koppeln. Wird momentan nicht geritten – versuche vom Boden aus Muskulatur aufzubauen. Ist schwerfüttrig. Nimmt nur langsam zu. Barhuf. Bekommt Pferdehanf und Magnesium – sonst nur Heu (in rauhen Mengen). lg Alice

    • Liebe Alice,
      aus der Ferne immer ganz schwierig… Zittern beim Pferd muss noch nicht echtes „Frieren“ sein, sondern kann auch erst mal eine Vorstufe sein… Pferde machen sich damit warm (Muskelaktivität wärmt bekanntlich)… Jedoch ist es bei Vollblütern wirklich oft so, dass sie naß-kaltes Wetter bzw. plötzliche Wetterwechsel schlecht vertragen… Hör auf Dein Bauchgefühl. Wenn sie normales Fell hat, würde ich sie bei schönem bzw. trockenem Wetter (auch trockene Kälte sollte gehen) ohne Decke lassen, aber bei feucht-kaltem Wetter lieber eindecken… Aber wie gesagt, schau mal, wie sie reagiert 🙂 Pferde sprechen tatsächlich mit uns, wir müssen nur zuhören, aber das weißt du eh 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2018 Sandra Fencl

Theme von Anders NorénHoch ↑