Im Interview mit Jean-François Pignon

Im Interview mit Jean-François Pignon

Immer wieder gibt es unter Pferdefreunden relativ hitzige Diskussionen, ob man einem Pferd Futter als Lob anbieten soll oder nicht. Für mich ist die Antwort ganz klar: Jein! Ich persönlich bin der selben Meinung wie Jean-François Pignon, der sagt: „Ich möchte, dass mich Pferde als ihre Freunde und als ihren Anführer sehen, nicht als lebende Keks-Box oder Karottenmaschine“.

Ich hatte ja das große Glück, bei mehreren Seminaren dabei zu sein und auch persönliche Interviews (für meine journalistische Tätigkeit) zu führen. Ich finde die Beziehung von JeanFrançois zu seinen Pferden echt „magisch“. Die Tiere arbeiten unglaublich gern mit ihm und sind auch in völlig fremder Umgebung total entspannt. Übrigens ist diese Form der Freiarbeit für Pferde auch nicht wirklich anstrengend, weil sie einfach nur das natürliche Herdenleben und Herdenverhalten von Pferden imitiert. Deshalb macht er auch mit halbjährigen Jungpferden bereits kurze Sequenzen in spielerischer Form.

Hier ein Video von einem der Seminare, bei denen ich auch war:

Ich persönlich verwende Futterlob immer individuell vom Pferd, von der Situation & Aufgabe und vom Ausbildungsstand abhängig. Ich werde aber im Laufe einer Ausbildung immer „geiziger“ mit Futterlob, weil ich wie gesagt es als – zumindest für mich und meine Philosophie – wünschenswert erachte, wenn sich Pferde einfach auf unser gemeinsames Training freuen, weil wir gemeinsam Spass haben und „Action erleben“. Nicht, weil sie glauben, ich hätte ein Leckerli für sie in meiner Tasche.

zirzensischen Lektionen

Futterlob bei zirzensischen Lektionen

In manchen Fällen verwende ich jedoch ganz gezielt auch mal Leckerlis im Pferdetraining:

1. Bei Pferden, die sich (meist am Anfang der Ausbildung) sehr schwer tun und nur langsam lernen, um das Lernen zu unterstützen.

2. Bei sehr schwierigen Lektionen oder aussergewöhnlichen Leistungen als besondere Anerkennung.

3. Bei Lektionen, wo ich gezielt bestimmte, sehr koordinierte oder komplexe Bewegungsabläufe trainieren will bzw. das „Ausharren“ in einer bestimmten Haltung abfrage – wie beispielsweise bei Zirkuslektionen am Anfang der Ausbildung.

4. Bei sehr gestressten und nervösen Pferden – um sie vom „Stressmodus“ (Sympathikus = Flucht- oder Kampfmodus) in den Verdauungs- und Entspannungsmodus (Parasympathikusmodus) durch das Kauen und Fressen zu bekommen.

Viele Pferde bekommen bei mir ganz selten bis kaum Futterlob und trotzdem (oder gerade deshalb?) arbeiten sie äusserst konzentriert und mit Begeisterung mit. Bei manchen Pferden habe ich das Gefühl, dass Futterlob eher ablenkt und so nicht unbedingt zum systematischen Trainingsfortschritt verhilft.

Auch bei frechen Pferden bin ich sehr sparsam mit Futterlob (oder gebe häufig gar nichts aus der Hand). Natürlich kann man bei allen Pferden an der Futtermarnier arbeiten, aber ich habe so viele Pferde schon problemlos mit wenig oder keinen Keksen ausgebildet, dass ich es einfach nicht für nötig erachte.

Futterlob im Pferdetraining ist - meiner Meinung nach - nicht immer beziehungsförderlich.

Futterlob im Pferdetraining ist – meiner Meinung nach – nicht immer beziehungsförderlich.

Denn in schwierigen Situationen trennt sich manchmal „die Spreu vom Weizen“. Und ich habe schon oft miterlebt bei externen Seminaren oder Veranstaltungen, dass meine eigenen Pferde wirklich brav, solide und mit Freude mit mir gearbeitet haben, während Pferde von anderen Pferdebesitzern sofort keine Motivation mehr hatten, als sie gemerkt haben, dass der Leckerlivorrat leer ist.

Arbeit ausschließlich gegen Futterlob ist nicht mein System. Ich möchte, dass Pferde „für mich“ Leistung erbringen und sie ein ECHTES Interesse an mir haben. Ich biete ihnen im Gegenzug Sicherheit und Entspannung (und das ist für ein Fluchtpferd schon viel!) und wir uns gemeinsam über gut gelungene Leistungen erfreuen, dann braucht es auch langfristig kein Leckerli, sondern einfach nur die gegenseitige Freude beim Training als Motivator.

Ich freu mich über Kommentare, Meinungen und Erfahrungen zum Thema Futterlob beim Pferd!

Liebe Grüsse,
Eure Sandra